AGATHONs Investment Zyklus
Neubewertung des Risikos: Der lange Weg zur Stagflation

Erich Schilcher, Geschäftsführer AGATHON CAPITAL & AGATHON CAPITAL SCHWEIZ. Mehr Informationen gibt es hier.
In Köln gibt es das Sprichwort und Grundgesetz „Et hätt noch immer jot jejange“ - für die Nicht-Rheinländer unter den Lesern: „Es ist noch immer gut gegangen“.
Genau diesen Eindruck habe ich in den letzten Wochen in den Gesprächen mit meinen institutionellen und semi-institutionellen Kontakten). Die Gesamtaktienquote liegt auf dem höchsten Stand seit 2022. Alle sind völlig sorglos und treiben die Märkte bei jeder positiven Nachricht zum Ende der Sperrung der Straße von Hormus nach oben. Das Prinzip Hoffnung.
Keiner scheint sich der Gefahr einer weitreichenden globalen Wirtschaftskrise bewusst zu sein, die sich aus einem immer längeren Vakuum durch die Sperrung der Seewege ergeben könnte. Betroffen sind bis zu 50% aller Basisrohstoffe für das globale BIP. Darunter Rohöl, Flüssiggas, Schwefel, Helium und die Erdgasaufbereitungsanlagen Katars, die überlebenswichtig für die Halbleiterwerke in Südkorea sind.
Diese zunehmenden Engpässe könnten - nach einem Aufbrauchen der Lagerbestände um Mitte Juni - zu einem Rückgang von Produktion und Erträgen als Reaktion auf ansteigende Produktionskosten und begrenzter Verfügbarkeit der Rohstoffe führen, vor allem in Asien.
Je länger die Straße von Hormus gesperrt ist, desto größer könnten die Auswirkungen auf die globale Wirtschaft sein: Ansteigende Inflation, sinkende Wirtschaftsleistungen und hohe Arbeitslosigkeit. In den USA sind in den letzten Wochen die Erzeugerpreise um 6 % und der Verbraucherpreisindex auf über 4 % gestiegen. Allein bei den Transportpreisen gab es einen Anstieg um 56 %. Alles Vorboten einer klassischen Stagflation wie in den 1970er Jahren.
Der gravierendste Unterschied zwischen heute und damals besteht jedoch in den USA. Im Vergleich zu den 1970er Jahren ist die Gesamtverschuldung der öffentlichen und privaten Haushalte heute doppelt so hoch. Aktuell belaufen sich die ausstehenden Schulden in den USA auf 320 % des BIPs und einen Zinsaufwand von 3 Billionen Dollar pro Jahr. In den 1970er Jahren belief sich die öffentliche und private Verschuldung auf etwa 140 % des BIPs. Der Staat konnte damals durch eine Ausweitung der Fiskalpolitik die Wirtschaft stützen.
Die Keynesianer unter den Lesern werden nun sagen, dass Schulden in der Fiskalpolitik als Wachstumsmotor und nicht als Belastung zu sehen sind. Dem stimme ich zu, nur leider gibt es in den USA seit 2008 - trotz der immer höheren Verschuldung - keinerlei Wachstum mehr im Industriesektor. Bis 2008 lag das jährliche Wachstum der Industrieproduktion bei 4,5 % pro Jahr. Seit 2008 liegt die jährliche Wachstumsrate der Industrieproduktion bei nahezu Null.
Das führt uns unweigerliche zu der Frage, wo das ganze Geld aus der Geldschöpfung geblieben ist, wenn es nicht in die Produktivität der amerikanischen Wirtschaft geflossen ist. Nun die Antwort ist relativ einfach: Das billige Geld führte über die letzten Jahrzehnte zu einer Inflationierung der Finanzanlagen und Verschwendung von Kapital in spekulative Fehlinvestitionen.
Das Wachstum von über 1,7 % im ersten Quartal 2026 ist ausschließlich auf den Boom der KI-Aktien und die massiven Investitionen in Rechenzentren zurückzuführen. Wobei die Kapitalrenditen der KI-Aktien nach wie vor ein großes Rätsel bleiben.
Je länger die Schließung der Straße von Hormus dauert, desto mehr gerät die Weltwirtschaft ins Straucheln und die steigenden Rohstoffpreise führen zu einer Abkehr vom billigen Geld und zu einer fallenden weltweiten Industrieproduktion.
Das Problem ist: Die Iraner wissen das! Sie haben genug Zeit und können mit jedem Tag zusehen, wie sich der Druck auf die amerikanische Wirtschaft und damit auf Donald Trump erhöht. Das iranische Regime wird mit jedem Tag stärker und die Position von Trump schwächer. Iran wird vermutlich weder das Uran - wie von Israel gefordert - noch die Straße von Hormus freigeben. Die USA müssen, wenn sie ihren Anspruch auf ihre Hegemonie nicht verlieren wollen, diese Probleme lösen.
Wie reagieren FED und Aktienmarkt?
Die FED steht somit vor der größten Herausforderung ihrer Geschichte. Bekämpft sie die Inflation mit steigenden Zinsen, wirkt sich dies negativ auf Banken, Immobilienmärkte, private Kredite und die Aktienmärkte aus. Führt sie weiter Geldschöpfung durch, steigen die langfristigen Renditen noch stärker und die negativen Effekte sind die gleichen.
Meiner Meinung nach wird die FED vermutlich die Zinsen erhöhen und keine weitere Geldschöpfung betreiben. Denn die FED hat in den letzten 40 Jahren immer mit einer Zinserhöhung reagiert, sobald die Rendite der zweijährigen US-Staatsanleihen über dem Leitzins der FED lag – so auch aktuell.
Auf dem Aktienmarkt ergibt sich mit einem weiteren Anstieg der Kurse und der Renditen der 10-jährigen Staatsanleihen eine beunruhigende Parallele zu den Jahren 2009 und 1999. Aktien und Anleihen bewegen sich meiner Meinung nach immer mehr auf einen unausweichlichen Kollisionskurs zu. Aktuell sind die Anleihen-Renditen in den USA auf dem höchsten Stand seit 19 Jahren. Nur ein deutlicher Kursverfall bei den Aktien könnte zu einem deutlichen Rückgang der Anleihen-Renditen führen. Die immer weiter steigenden Kapitalkosten könnten somit zu einer Risikoreduzierung an den Aktienmärkten führen.
Der 12. Juni 2026 könnte mit der Emission von SpaceX der ideale Zeitpunkt sein, den Aktienmärkten den Rücken zu kehren. Die Banken werden vermutlich eine große Korrektur bis zu diesem Zeitpunkt verhindern, da ihnen sonst Milliarden an Provisionen im Zuge der Börseneinführung durch die Lappen gehen würden. Wie weit dann die Korrektur geht, hängt vom weiteren Anstieg der Anleihen und des Ölpreises ab. Aktuell wird der Ölpreis eher künstlich niedrig gehalten – Stichwort „Fake News“ und Freigaben von strategischen Reserven. Wenn die strategischen Ölreserven der USA, die ohnehin einen historisch niedrigen Stand haben, bis Ende Juni einen kritischen Stand erreichen sollten und bis dahin die Straße von Hormus nicht offen ist, wird es für den Ölmarkt schwierig.
Kapitalmarktrisiko: Renditen für US-Staatsanleihen
Das größte Risiko für die Kapitalmärkte ist also ein weiterer Anstieg der Renditen für US-Staatsanleihen, die eine hohe Korrelation mit der Entwicklung des Ölpreises haben. Hinzu kommt die schwache Auslandsnachfrage, die in Zeiten steigender Inflation, explodierender Haushaltsdefizite und rückläufiger Fiskalpolitik ihre Käufe bei US-Staatsanleihen stark reduzieren. Dies könnte bei der enormen Verschuldung der USA und dem hohen Refinanzierungsbedarf der nächsten Jahre für die USA untragbar teuer werden.
Kaufen ausländische Regierungen weniger US-Staatsanleihen, das Angebot aber steigt, steigen die Renditen. Dieses Szenario würde die Finanzbedingungen in der amerikanischen Wirtschaft verschärfen: Die Hypothekenzinsen bleiben hoch, Unternehmensfinanzierungen werden teurer. Die Regionalbanken, die auf nicht realisierten Anleiheverlusten sitzen, geraten unter Druck und damit auch die hoch verschuldeten Verbraucher.
Asien verschärft die Situation weiter
Neben China tritt jetzt auch Japan in Erscheinung: Die aggressiven Verkäufe zur Verteidigung des Yen verschärfen die Lage am amerikanischen Anleihenmarkt weiter. Die steigenden Ölpreise und die stark steigenden Importkosten belasten die japanische Wirtschaft schwer und bedrohen den Yen. Der Verkauf von amerikanischen Staatsanleihen verschafft Japan Zugang zu Dollar-Liquidität, um die eigene Währung zu stabilisieren.
Die einzige Möglichkeit die Trump hat, um die Zinsen zu senken und dem Staat dadurch die Möglichkeit zu geben, sich wieder billiger zu refinanzieren, ist ein Crash am Aktienmarkt, der die Renditen der Anleihen massiv fallen lassen würde.
Unserer Meinung nach ist das auch der Grund, warum er den Konflikt mit dem Iran rauszögern und vielleicht sogar eskalieren wird. Er nutzt die Verknappung am Ölmarkt und die ansteigende Inflation bei den Gütern und Waren als Hebel um den Aktienmarkt, nachdem er diesen durch seine Fake News nach oben manipuliert hat zum Kollabieren zu bringen.
Wie schon am Anfang gesagt, wir stehen vor einer Neubewertung des Risikos für die nächsten Jahre.

