Derivate-Special

Risk-Shaping: Eine Stärke der deutschen Liquid Alternatives

Frank Neidig, Liquid Alternatives-Spezialist & Manager des Dachfonds Lampe AIR²

Viele Investoren denken noch immer in klassischen Kategorien: Aktien für Wachstum, Anleihen für Stabilität. Doch wenn beide gleichzeitig unter Druck geraten, stellt sich die wichtigere Frage: Welche Risikoprämien können unabhängig von klassischen Märkten einen Beitrag leisten?

Hier kommen Liquid Alternatives ins Spiel: liquide, regulierte Fondsstrukturen, die alternative Risikoprämien erschließen. Besonders spannend ist ein oft missverstandener Bereich: Strategien rund um Optionen, Futures und Volatilität.

Deutschland galt hier lange als eine Art „Short-Vol-Land“, wo viele Manager Volatilitäts- und Optionsprämien vereinnahmen. Doch nicht jede Strategie, die mit Optionen arbeitet, verkauft einfach nur Volatilität. Ganz im Gegenteil. Die meisten Ansätze formen Risiken gezielter: über Optionen, Futures, Absicherungen und dynamische Anpassungen. Aus „Short-Vol“ wird „Risk-Shaping“.

Der Begriff trifft den Kern besser als der reine Verweis auf Optionsstrategien. Eine Option ist zunächst kein Risiko. Sie ist ein Werkzeug. Gefährlich oder nützlich wird sie erst durch denjenigen, der sie einsetzt. Aktien- und Rentenfonds kaufen meist Marktrisiken. Risk-Shaping-Strategien können Risikoprofile bauen.

Die Bandbreite ist groß. Manche Strategien vereinnahmen Volatilitätsprämien. Andere suchen Fehlbewertungen zwischen Laufzeiten oder Märkten. Wieder andere arbeiten mit Absicherungen oder Futures-Overlays.

Nicht jede dieser Strategien ist ein Diversifikator für traditionelle Portfolios. Manche sind es. Manche sehen nur so aus. Eine einfache Short-Volatility-Strategie kann lange attraktiv wirken. Prämien fließen, die Wertentwicklung erscheint stabil. Bis ein Stressereignis zeigt, ob tatsächlich Alpha erwirtschaftet wurde – oder ob vor allem Katastrophenrisiko verkauft wurde. Denn Prämien sind nie kostenlos. Sie sind die Entschädigung für ein Risiko. Entscheidend ist zu wissen, welches Risiko man trägt, wann es sichtbar wird und ob man dafür bezahlt wird. Deshalb reicht der Blick auf vergangene Renditen nicht. Wichtiger ist, wie die Strategie Geld verdient: durch fallende Volatilität, Seitwärtsmärkte, Fehlbewertungen, Risikotransfer – oder dadurch, dass lange nichts Schlimmes passiert?

Investoren müssen nicht jede Modellannahme kennen. Ein gewisses Maß an Vertraulichkeit ist notwendig. Würde ein Manager seine Modelle offenlegen, könnte er genau das preisgeben, wofür Investoren ihn bezahlen: sein Alpha.

Entscheidend ist die richtige Transparenz: Welche Prämie wird vereinnahmt? Wie wird Risiko begrenzt? Wie reagiert die Strategie auf Volatilitätssprünge? Und wo endet das Modell – und wo beginnt die Entscheidung des Managers?

Risk-Shaping-Strategien sind weder Wundermittel noch Teufelszeug. Richtig ausgewählt, können sie Portfolios sinnvoll ergänzen. Falsch verstanden, können sie Risiken ins Portfolio holen, die man eigentlich reduzieren wollte.

Denn Optionen, Futures und Volatilitätsstrategien sind kein Selbstzweck. Sie sind Handwerk. Und wie bei jedem Handwerk entscheidet nicht das Werkzeug über das Ergebnis, sondern derjenige, der es beherrscht – oder eben auch nicht.

Frank Neidig ist Portfoliomanager im Team Systematic Investing bei Lampe Asset Management. Seit 2007 beschäftigt er sich institutionell mit liquiden alternativen Investmentstrategien und verantwortet die Analyse, Auswahl und Kombination von Hedgefonds- und Liquid-Alternative-Strategien in regulierten Fondsstrukturen. Sein Fokus liegt auf alternativen und innovativen Risikoprämien, Managerselektion und robuster Portfoliokonstruktion sowie digitalen Assets. Seit 2017 managed er den erfolgreichen Dach-Hedgefonds Lampe AIR².

Zur Webseite

Derivate-Special
Derivate-Special